Unbelehrbarkeit als Bildungsziel

Unbelehrbarkeit als Bildungsziel

oder wie ein selbsternannter „queerkomunistanarchistofcolor“  das Exempel der Verblödung postmodernisierter Linker statuiert

Die Facebook Gruppe Kritische Theorie präsentiert sich mit ihrer Zahl von mittlerweile fast 2800 Mitgliedern immer stärker als das Auffangbecken von enttäuschten Linken, Foucaultanbetern, Ökoveganern und allerlei anarchists of color. Für den neusten Aufschrei in dieser Gruppe sorgt die darin vom Referat für politische Bildung des AStA der TU Darmstadt beworbene Ringvorlesung des Sommersemesters 2016 mit dem Titel Emanzipation und Identität. Über das Verhältnis von Universalismus und Partikularismus in der spätbürgerlichen Gesellschaft, auf deren Flyer allen Ernstes von der Erdreistung zu lesen ist, dass sich ein Referent der Kritik der Critical Whiteness und des neuen Antirassismus annehmen will. Genauer gesprochen handelt es sich beim Auslöser der Empörung um den Vortrag von Klaus Bees von der Aktion 3. Welt Saar mit dem Titel Wie kritisch ist Critical Whiteness? Zur Kritik des neueren Antirassismus, welcher am 8. Juni stattfinden soll. Eine für den 6. Mai angekündigte Veranstaltung der DIG Hochschulgruppe Berlin mit dem Referenten Sören Pünjer der Redaktion Bahamas mit dem Titel Fifty Shades Of Black And White: Der politisch korrekte Rassismus der Critical Whiteness stößt im sozialen Netzwerk auf ähnliche und auch auf bisher deutlich stärkere Resonanz.

„hey ein weißer typ kritisieret den neueren antirassismus? oder versteh ich das falsch? wenn der antirassismus auf dem falschen weg ist, wer trägt die konsequenzen dafür? ist es dan sinig, das einer der von rassistische verhältnisse profitiert, vorschreiben will, was der richtige antirassistische strategie wäre? kann es sein, das in darmstadt rassisten nicht so genau wissen was rassismus ist?“ (Pooya S.)1

Wer die Sesamstraße als Kulturgut in seiner Kindheit konsumieren durfte oder diese zumindest kennt wird die berühmte Formel „wer nicht fragt bleibt dumm“ sicherlich nur zu genau kennen. Unter diesen Suggestivfragen versteckt sich jedoch eine Dummheit, die keineswegs deshalb dumm ist, weil sie Fragen stellt, sondern dumm ist, weil die fragende Person dahinter das Moment ihrer eigenen infantilen Ungeduld offenbart, während sie durch die offensichtliche Aufrüttelung ihres hermetischen Weltbildes von ihrer herauschielenden Ohnmacht sich dumm machen lässt und die Fesseln der Kritik die auswendig gelernten Wortabfolgen ins Stottern bringen. Inwiefern der Referent von rassistischen Verhältnissen profitiert oder was genau diese rassistischen Verhältnisse sein sollen, wird selbstverständlich nicht benannt, sondern a priori gesetzt. Demnach wird die Unterstellung geäußert, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse per se rassistisch sind, also eine rassistische gesellschaftliche Gesamtpraxis vorherrscht, die leider an der Realität des bundesdeutschen Antifaschismus der Berliner Republik scheitert.

„Hallo Pooya, ich denke, wer Leute nach ihrer Hautfarbe kategorisiert ist ein Rassist, zumindest dann, wenn er aus dieser Schlußfolgerungen auf Charakter, Verhalten etc zieht? So viel zu: „ein weißer Typ“. Wenn man heute noch ernsthaft von Rassisten sprechen will, dann sind es die von der Gesinnungsgemeinschaft der „Critical Whiteness“. Was die treiben, dahinter bleibt selbst noch ein Herr Höcke zurück. Im übrigen geht es einer Kritik des Antirassismus auch überhaupt nicht darum, jemandem „vorzuschreiben“, was „eine richtige antirassistische Strategie“ wäre, sondern sie hält den Antirassismus für eine reaktionäre Ideologie (die nicht zuletzt rassistisch ist), die sie zu bekämpfen gedenkt. Sie will ihn nicht durch einen „besseren Antirassismus“ ersetzen, sondern dafür Sorge tragen, dass er nicht weiter um sich greift, an seine Stelle vielmehr eine wirkliche kommunistische Gesellschaftskritik tritt, eine die Staat, Kapital und Ideologie thematisiert anstatt mit den Floskeln „Ausgrenzung“, „Diskriminierung“ und „Diskurs“ die tatsächlichen Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft: Herrschaft und Ausbeutung zu verschleiern.“ (Martin D.)1

Diese völlig zutreffende Erwiderung auf die Suggestivfragen des Empörten münden im üblichen Gesinnungssprech. So rattert Pooya erneut die alte Leier von weiß-sein als sozialer Kategorie und dass sich gegen weiße Privilegien verteidigt werden muss herunter und ergänzt jedoch die besonders hervorzuhebende Bemerkung, dass der Vorwurf des rassistischen Denkens gegenüber der Critical Whiteness letztlich noch hinter Hitler1 zurückfalle.

„ich als queerkomunistanarchistofcolor, muss mir von die kein komunismus erklären lassen… und euer ideditätspolitik als antideutsche, sorgt dafür, das ihr immer alles persönlich nihmt.. und sogar antisemitimus relativiert. und noch judinnen erzählen wollt was semitismus sei. das ist euer problem nicht unsers..“ (Pooya S.) 1

Was sich hier unter dem Vorwurf der paternalistischen Geste der Erklärung von Semitismus offenbart ist nichts anderes als die schlichte Leugnung des gegenwärtigen Antisemitismus bzw. eine Art doppelter Umgang mit dem Begriff des Antisemitismus, wie man ihn von anderen Gruppierungen des versammelten Elends wie beispielsweise der Berliner Antikapitalistische nichtweiße Gruppe kennt, wenn diese sich die Frechheit herausnimmt, den Terminus des Antisemitismus lieber mit dem des antijüdischen Rassismus2 zu ersetzen, welchem in ihrer Denklogik dann freilich keine weitere Bedeutung mehr zukommt, da deren Behauptung lautet, dass Rassismus ausschließlich von Weißen praktiziert und Israel als Hauptfeind der Nichtweißen als westliches Kolonialkonstrukt von weißen Europäern auf dem Boden ihrer heißgeliebten Palästinenser errichtet wurde und sie dieses Bodens beraubt und beraubte. Die Reservierung des Begriffes Antisemitismus ausschließlich für die Shoah kommt so nicht nur den postmodernen Antisemiten, sondern vor allem auch der „dümmsten aller Religionen“ (Michel Houellebecq), namentlich dem Islam zugute und findet sich in der radikalen Linken über die Rechtsesoteriker bis hin zu islamischen Fundamentalisten unter der Floskel wieder, dass Antisemitismus Feindschaft gegenüber Arabern und nicht – aber wohl auch von – Juden bedeute, wie dies beispielsweise vom Wortführer der Insidejobber, nämlich Moustafa Kashefi alias Ken Jebsen vorgelebt wurde.3

Dass sich der anarchist of color keines Besseren belehren lassen möchte liegt auch nicht daran, dass er die besseren und logischeren Argumente hat, sondern dass er sich schlichtweg in eine Opferposition hineinimaginiert, aus der heraus ihm sein Sprechort nun von bösen weißen Kritikern strittig gemacht werden kann, er seine beanspruchte Definitionsmacht der und für die Unterdrückten womöglich überdenken müsste. Ohne jeden weiteren Kommentar und vermutlich zur Verdeutlichung seiner theoretischen Widerstandfähigkeit verlinkt der anarchist of color seinen gleichnamigen wordpress-Blog, der nicht als Quelle der Belustigung auf Grund der Grammatik des Autors, sondern als Indiz für eine um sich greifende Ignoranz, die sogar soweit geht, dass der Anarchist seinen Gott Bakunin selbst als „baukonin“4 in einem Text über den Zen-Buddhismus schreibt – ein Fehler, welcher ihm bei einer simplen Google-Recherche nicht unterlaufen wäre – geeignet ist.

Um die eigene Gesinnung noch tiefer zu fundamentieren greift Pooya ein weiteres Mal in die Trickkiste und verlinkt die frisch veröffentlichte taz-Kolumne Dumme weiße Männer unter dem Facebook-Post, selbstverständlich wieder ohne weiteren Kommentar. Beim Blick in die Kolumne offenbaren Autor Lalon Sander und der Empörte eigentlich alles ihres eigenen Welt- bzw. Wahnbildes: In der Kolumne wird eine alternative Geschichtsschreibung präsentiert, die sich mit der Grundfrage beschäftigt, was wäre, wenn ein nicht-westliches Matriarchat die dominante Gesellschaftskonstruktion der Geschichte gewesen wäre, in der „Weltmächte sich Gründe ausedenken, Europa immer wieder zu zerbomben und den dortigen Bewohnerinnen den Zutritt zu den Eliteländern im Rest der Welt [zu, Anm. d. Verf.] erschweren.“5 Das entscheidende an dieser Kolumne und all den darin enthaltenden Imaginationen ist, dass die hier ausgedachte Geschichte als Gegenentwurf zur gegenwärtigen Gesellschaft präsentiert wird, die den Wünschen und Sehnsüchten der sich selbst als Subalterne verstehenden Gesinnungsagenten entspricht und im ideologischen Kitt des Anti-weißseins als gute, sprich bessere Variante glorifiziert wird, damit den bösen Unterdrückern endlich der Hintern versohlt wird. Diese antiwestlichen Ressentiments runden das ideologische Bewusstsein des anarchists of color ab, der in diesem Fall repräsentativ für einen Großteil dessen steht, was unter dem Schlagwort der politischen Linken firmiert.

Die Losung und Zielsetzung derer, die sich der Kritikresistenz in ähnlicher Manier verpflichten ist mit dem Alltagsimperativ der Regression „Bleib so wie du bist“ bestens umschrieben. Der Standpunkt der Kritik wird unter den Augen der Postmodernen zu einem Privileg der Weißen, die in ihren von Kultur befreiten und kulturzersetzenden Gesellschaften keine wahren Werte mehr kennen auf die sich berufen werden kann, wohingegen die wahrlich autochtonen Gesellschaften im Orient als versöhnter Fluchtpunkt und Urzustand erscheinen, welcher sich weiter als Gegenstand psychoanalytischer Auseinandersetzung eignet. Für hier sei zuletzt noch festgehalten, dass der Zustand, in dem alle Menschen „ohne Angst verschieden sein“ (Adorno) können, nicht von denen herbeigeführt wird, die sich in ihrer paranoiden Angst in Kollektiven verkriechen und die Idee des autonomen, anonymen Individuums als Symptom der Zersetzung aller Bindungen des Westens deuten, die Errungenschaften des freien Individuums bekämpfen statt sie endlich für alle einzufordern, sich selbst in Dummheit und Unmündigkeit gefangen halten, wo sie sich am progressivsten geben.

„Das geläufige Argument der Toleranz, alle Menschen, alle Rassen seien gleich, ist ein Bumerang. Es setzt sich der bequemen Widerlegung durch die Sinne aus, und noch die zwingendsten anthropologischen Beweise dafür, daß die Juden keine Rasse seien, werden im Falle des Pogroms kaum etwas daran ändern, daß die Totalitären ganz gut wissen, wen sie umbringen wollen und wen nicht. Wollte man demgegenüber die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, als Ideal fordern, anstatt sie als Tatsache zu unterstellen, so würde das wenig helfen. Die abstrakte Utopie wäre allzu leicht mit den abgefeimtesten Tendenzen der Gesellschaft vereinbar. Daß alle Menschen einander glichen, ist es gerade, was dieser so paßte. Sie betrachtet die tatsächlichen oder eingebildeten Differenzen als Schandmale, die bezeugen, daß man es noch nicht weit genug gebracht hat; daß irgend etwas von der Maschinerie freigelassen, nicht ganz durch die Totalität bestimmt ist. Die Technik der Konzentrationslager läuft darauf hinaus, die Gefangenen wie ihre Wächter zu machen, die Ermordeten zu Mördern. Der Rassenunterschied wird zum absoluten erhoben, damit man ihn absolut abschaffen kann, wäre es selbst, indem nichts Verschiedenes mehr überlebt. Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. Sie sollte statt dessen auf die schlechte Gleichheit heute, die Identität der Film- mit den Waffeninteressenten deuten, den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann. Attestiert man dem Neger, er sei genau wie der Weiße, während er es doch nicht ist, so tut man ihm insgeheim schon wieder Unrecht an. Man demütigt ihn freundschaftlich durch einen Maßstab, hinter dem er unter dem Druck der Systeme notwendig zurückbleiben muß, und dem zu genügen überdies ein fragwürdiges Verdienst wäre. Die Fürsprecher der unitarischen Toleranz sind denn auch stets geneigt, intolerant gegen jede Gruppe sich zu kehren, die sich nicht anpaßt: mit der sturen Begeisterung für die Neger verträgt sich die Entrüstung über jüdische Unmanieren. Der melting pot war eine Einrichtung des losgelassenen Industriekapitalismus. Der Gedanke, in ihn hineinzugeraten, beschwört den Martertod, nicht die Demokratie.“6


1 alle mit 1 markierten Stellen beziehen sich auf diesen Facebookpost mitsamt der Kommentarspalte: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=1100260233368967&set=gm.1064632186954523&type=3&theater

2 http://aufstand.blogsport.eu/2015/08/02/zionisten-sind-rassisten/

3 https://www.youtube.com/watch?v=KyYAxHKIWtA

4 https://anarchistofcolor.wordpress.com/2016/04/26/achtsamkeit/

5 https://taz.de/Kolumne-Dumme-weisse-Maenner/!5298238/

6 http://www.copyriot.com/sinistra/reading/agnado/minima.html

 

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Früher war alles schlechter…

Deutschland 2015: Das politische Spektrum wächst weiter zu einem großen Klumpen zusammen. Welche Fronten in diesem Sammelsurium bürgerlicher bis radikaler Bewegungen tatsächlich auflaufen scheint schwer beantwortet, sind die Unterschiede zwischen diesen oftmals marginal, der Grad des falschen Bewusstseins gar identisch. Mal nennen sie sich ‚emanzipatorisch‘, ein anderes Mal ‚feministisch‘, sie nennen sich ‚patriotisch‘ oder ‚friedensbewegt‘. Ob PEGIDA, der Friedenswinter oder Blockupy – regressive Tendenzen, Haltungen und Überzeugungen sind ein Phänomen bürgerlicher Gesellschaft, die sich in den Gedanken und Ideologien politischer Überzeugungen aller Couleur, rechts, links, islamistisch, identifizieren lassen. War Frankfurt am Main noch im Sommer 2014 Standort offen antisemitischer Gaza-Demonstrationen, zu deren Deeskalation die Polizei wohlwollend Mikrofone zur Beschallung mit „Allahu Akbar“ Rufen bereitstellte, zeigt sich Frankfurt seit Januar 2015 vereint, um mit Jedem, der irgendwie dagegen ist, einem trivial geringen Teil von PEGIDA-Demonstranten um jeden Preis entgegenzutreten und sich selbst als große Widerstandskämpfer zu ikonisieren. Reicht es nicht, jährlich unter der Farce „Blockupy“ gegen den Gedanken des Finanzkapitals zu marschieren, sich dabei für jeden „geboxten Bullen“, jede eingeworfene Scheibe an sich selbst zu ergötzen und in prächtig bunter Revolutionsromantik von der ganz großen Stunde der Radikalen Linken zu träumen? Nein, in Frankfurt wird in größeren Dimensionen gedacht, denn die große Stunde soll möglichst bald schlagen, der Traum endlich Wirklichkeit werden. Nach Jahren der aus ihrer Insignifikanz resultierenden Depression befreit sich die Frankfurter Linke nun aus ihren eigenen Fesseln, um endlich wieder Teil einer großen Bewegung zu sein. Der Meilenstein der Frankfurter Linken auf diesem Weg ist die Transformation der ehemaligen Autonomen Antifa [f], die sich heute „Kritik & Praxis – Radikale Linke [F]rankfurt“ nennt. Im praktischen Fokus und Modus ihrer Arbeit gilt alles dem Versuch, die ausdifferenzierte radikale Linke in Frankfurt zu vereinen – (anti)national im „…ums Ganze!-Bündnis“, (trans)national in „Blockupy“ und „Beyond Europe.“ Gerne auch öffnet man sich im Zuge dieser Reformation auch politischen Akteuren, die die Radikale Linke in ihrer Marginalität noch übertreffen. Begrüßt wird dabei jede beliebige (wie auch schon für ihre Bündnispartner galt) Person, die sich von dieser Praxis um der Praxis Willen – die also keine Theorie mehr kennt – angezogen fühlt, und zwar „auf den Trümmern der neuen EZB.“ Mit einer Weitsicht, die gerade bis zu den Außengrenzen Europas reicht, beschwört Frankfurts Radikale Linke den Hauptfeind im Kreditinstitut, mit dessen Untergang man sich den Kommunismus herbei halluziniert und den Beginn der Weltrevolution vermutlich in Griechenland erwartet.

We are family

Wer der von Wut (die von „…ums-Ganze!“ als gute Grundlage für eine Handlung gesehen wird1) dominierten negativen Aufhebung des Kapitalismus konsequent entgegentritt und sich glaubhaft der Assoziation freier Individuen hingibt, ist verpflichtet Werte dezidiert westlicher Zivilisation als Universalismus einzufordern, welcher den Diskursdeppen postmoderner Kulturalisierung als Paternalismus, gespickt mit bloßen Narrativen gilt. Der bürgerliche Status westlicher Individuen gilt ihnen als Privileg, das für Erblindung für das tatsächliche Elend in der Welt sorgt. Stattdessen soll der Staat in anarchischer Manier selbst-gesetzgebenden Communities diese autonomen Rechte auch zugestehen, die zugleich als kulturelle Eigenheit dieser fundamentiert werden. Dieser Push kommunalisierter Rackets, der in der faschistischen Keimzelle Familie seine induktive Vollendung erfährt, treibt den wahnhaften Antirassismus zu seinem glatten Gegenteil: Einer Ideologie rassifizierter und ontologisierter Werte, sowie kultureller Praktiken, die mit Menschenrecht allein schon dem Begriff nach nichts mehr gemein haben, ganz zu schweigen von Emanzipation, und mit einem Multikulturalismus korrespondieren, der all jenen in der Hoffnung auf Selbstbestimmung und Freiheit in den Rücken fällt und sie dem rechtlich abgesicherten Tugendterror zum Opfer fallen lässt. Die Kritik am Rassismus, wie sie bei Martin Luther King noch in der Lage war zu konstatieren, dass die einst unterzeichnete Emanzipationsproklamation der USA auch hundert Jahre später nicht für die Schwarzen galt und den Wunsch ausdrückte, eines Tages nicht mehr nach seiner Hautfarbe beurteilt zu werden, war dem Geist von Aufklärung, Versöhnung und Universalismus verbunden. Jedoch wird grade dieser Gedanke allgemeiner Emanzipation als Logozentrismus abgestempelt und als totalitär denunziert. Im Wahn der Identitätsstiftung moderner Antirassisten war es nicht unüblich, dass sich dessen diverse Vertreter gegenseitig die Köpfe einschlugen, wenn sie beispielsweise durch auf einer Veranstaltung gezeigte Bilder ‚getriggert‘ wurden. Wer sich durch Worte oder Bilder re-traumatisiert fühlt, dem sei geraten eine Psychoanalyse in Erwägung zu ziehen, der gesellschaftlichen Realität aber aus Gründen der Selbst- und Gemeingefährdung fernzubleiben.

Kein Materialismus

Der Irrationalismus Deutscher Ideologie kontrastiert sich im Denken jedes postmodernen Apologeten, sei es der weiße Antirassist, welcher sich in seiner Identitätskonstruktion in Manier der Critical Whiteness Bewegung als PoC (Person of Colour) definiert, eine Judith Butler, die der Hamas als Widerstandsbewegung zugesteht, Bestandteil der globalen Linken zu sein und sich selbstverständlich sicher ist, dass die Sprache für eine ständige Reproduktion erst durch Sprache selbst geschaffener Realität ist. Der Glaube daran, dass Begriffe die Menschen beherrschen ist der Trugschluss jener Deutschen Ideologie, die ihre irrationalen Momente schon im Deutschen Idealismus und Deutscher Romantik erlebt hat. Anders als in strukturalistischer Manier ein ewig gleiches Wesen zu unterstellen muss sich die Ideologiekritik, namentlich der Deutschen Ideologie, den Gegenstand ihrer Kritik dabei als durch Metamorphosen und Vermittlung durch die Individuen erhaltendes Unwesen begreifen. Sprache versteht sich als abstrakter Bezug auf real Existierendes, deren Begriffe mit dem Historischen Materialismus nach ihrer sozialen Genese und Bedeutung als falsche Reflexion politischer Wirklichkeit der sie subsumierten und zugleich konstituierenden Individuen befragbar sind. Deutsche Ideologie denunziert jedes Allgemeine als Bevormundung und verfällt dabei gekonnt in subjektivistische Willkür, die im Widerspruch des materialistischen Versöhnungsgedankens, dessen Kritik sich mittels bestimmter Negation der Organisation eines auf Kriterien der Vernunft basierten Allgemeinen verpflichtet, steht.

Linke und Islam

Die Hoffnung, dass Wissenschaft und Säkularismus für eine Entzauberung der Welt sorgen, wurde negiert. Dreieinhalb Dekaden nach der islamischen Revolution im Iran ist man eines besseren belehrt worden. Die Stimulierung durch Religion in der islamischen Welt nimmt seit jeher von Pakistan bis Nigeria zu. Der Wille, sich dem Islam zu Unterwerfen und für diesen zu sterben, geht damit einher. Die Radikale Linke, die sich sonst nicht genug damit Begnügen kann ihre Revolutionsphantasien in romantischer Manier zu präsentieren, visualisieren und kulturindustriell aufbereitet zu vermarkten, steht dem Islam in hilfloser Affirmation zur Seite, weicht Fragen über diesen gekonnt aus oder spielt mit rhetorischen Mitteln der Täter-Opfer Umkehr. Die Ohnmacht der Linken gegenüber dem Islam, die den Gedanken der Aufklärung noch nicht aufgegeben haben, zeugt von einer tiefen Angst, nämlich der Angst vor einer irrationalen Angst vor dem Islam, die sich in der Furcht vor Islamophobie konzentriert. Dies ist das Scheitern der Linken am Islam, die ihre Verpflichtung zur Religionskritik nur dann zu üben weiß, wenn es sich um Christentum oder Judentum handelt. Postpolitische Linke, die sich ihre Inspiration vom Ideologen der Macht, Michel Foucault, geholt haben, sehen im Islam und vor allem in seinen radikalen Ausprägungen die Fortsetzung des antiimperialistischen Kampfes gegen den Westen, der sich präzise als Reaktion auf koloniale Unterdrückung zu präsentieren und seine Anhänger auf dem gesamten Globus zu finden weiß. Foucault selbst war sich einer Entschuldigung der Brutalität der iranischen Revolution nicht zu schade, als er behauptete, „that Iran does not have the same regime of truth as ours“.2 Der Kulturrelativismus hinter dieser Behauptung ist ein Schlag ins Gesicht iranischer Oppositioneller im Exil wie beispielsweise Kazem Moussavi von der Green Party of Iran, der als konsequenter Kritiker des Mullah-Regimes in Erscheinung tritt und erst jüngst immer wieder darauf verwies, welche Folgen die bundesdeutsche Appeasement-Politik insbesondere Claudia Roths gegenüber iranischem Tugendterror hat.3 Dieser radikale Multikulturalismus findet seine Advokaten in der postmodernen Philosophie, die sich nicht zu Schade ist, jegliche Gewaltideologie zu Verstehen und letztendlich mit Verständnis zu begegnen, sofern sie nicht dem Okzident entspringt. Die islamistische Barbarei auf europäischem Boden kulminierte zwischen dem 7. und 9. Januar 2015, den Tagen, an denen 17 Leute im Namen des Islam hingerichtet wurden. 4 von diesen einfach nur, weil sie Juden waren und dies auch durch ihren Mörder Amedy Coulibaly bestätigt wurde. In Anbetracht dessen von zufälliger Auswahl der Opfer zu sprechen, wie es der mieseste US-Präsident seit Jimmy Carter getan hat, ist von Realitätsferne und Zynismus nicht zu übertreffen. Das virale Aufkommen des Schriftzuges „Je Suis Charlie“ erwies sich bei einem nicht unbeachtlichen Teil der Solidaritätsbekundenden als leere Phrase. Sie wussten, dass der Umgang mit Meinungsfreiheit Regulativen unterliegen muss und wussten im nächsten Moment sofort vor Islamophobie und Rassismus zu warnen. Die deutsche Justiz kommt diesen Mahnern entgegen, indem sie in Anbetracht des Massakers von Paris nicht darüber nachdenkt der politischen Liberalisierung entgegen zu kommen und den §166 des Strafgesetzbuches endgültig abzuschaffen, sondern ihn wahrlich noch verteidigt. Der Paragraf lautet:

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

Hier offenbart sich die Perversion deutscher Rechtsauffassung, durch die der öffentliche Frieden zugunsten religiöser Fanatiker und Kummertanten verletzter religiöser Gefühle auf Kosten der Meinungsfreiheit aufrechterhalten werden soll, „denn ob der Blasphemieparagraf greift, entscheidet – Stichwort: Gefährdung des »öffentlichen Friedens« – allein die zu befürchtende Reaktion der möglicherweise Beleidigten mit ihren militanten religiösen Gefühlen.“4 Somit werden Individualität, Freiheit, Demokratie, Gleichstellung der Geschlechter und Pluralismus zunehmend gegen die Gegenaufklärung eingetauscht, der Kampf um die Zivilisation gegen den Multikulturalismus ausgespielt.

Sieg des Appeasements

In Anbetracht der internationalen politischen Lage müsste Barack Obama, der in seiner exzellenten Vertretung multilateraler Diplomatie und Dialogbereitschaft doch glatt ein Pädagogik-Diplom haben könnte, im öffentlichen Ansehen redlich gut dastehen, sind in Anbetracht seiner humanistischen Ideale die Schreckenszüge der so verhassten Bush-Administration fast vergessen. Der vor allem von der EU beschworene Multilateralismus, indem schwache Staaten mittels Geflecht internationaler Vereinbarungen und Beziehungen versuchen die amerikanische Handlungsfreiheit einzudämmen und von Interessen möglichst vieler Nationen abhängig zu machen, rennt bei Obama offene Türen ein. Es ist ihm gelungen, die von Überheblichkeit gezeichnete Rolle der USA in den Kanon der Staatengemeinschaft einzugliedern und dabei in die von Charles Krauthammer beschriebene Europäische Ideologie zu verfallen.5 Die Politik der Obama-Administration ist gezeichnet von fundamentalen Fehlschlüssen und Fehleinschätzungen, besonders im Nahen Osten. Es sei an dieser Stelle an den quasi folgenlosen Einsatz von Giftgas des Assad Regimes gegen die eigene Bevölkerung erinnert. Auf die Spitze treibt es die Obama-Administration seit sie zu Zeiten, als der iranische Verhandlungspartner noch Ahmadinejad hieß, schon den Weg zur iranischen Bombe vorbereitet und diese Verhandlungen trotz aller Warnungen in Benjamin Netanyahus von Weitsicht kaum zu übertreffender Rede im US-Kongress vermutlich auch bald abschließt. USA’s neuer multilateraler Partner Ajatollah Khamenei spricht über dessen englischsprachigen Twitter Account währenddessen fröhlich weiter über das Elend des Zionismus, welches die Menschen im Westen erst realisieren müssen um neue sozialen Bewegungen ins Leben zu rufen, die schließlich die Geburt einer „New World“ ermöglichen werden.6 Dass diese „New World“ in den Gedanken Khameneis selbstverständlich eine Welt ohne den Juden unter den Staaten, nämlich Israel ist, scheint Obama und seinen naiven Außenminister John Kerry nicht zu interessieren. In Zeiten, in denen Anschläge auf Synagogen von muslimischen Jugendlichen in Deutschland als eine Form der Israelkritik abgetan werden, ist die Hoffnung auf die Rechtsprechung in Deutschland als Idealismus zu denunzieren.

Dem Antisemitismus und seinen vielseitigen und vermeintlich guten Apologeten im Antizionismus, dem Islam, der Montagsdemonstranten, der Radikalen Linken ist entschlossen entgegenzutreten. Die Bedeutung der 3 kategorischen Imperative nach Kant, Marx und Adorno sind konstitutiv für die Ideologiekritik, um aus der Kritik der Religion den Schluss zu ziehen, dass der Mensch endlich das höchste Wesen für den Menschen sei, das sich einer vernünftigen Organisation des Allgemeinen verpflichtet und dafür sorgt, dass sich die Barbarei von Auschwitz niemals wiederholen kann. In Anbetracht dessen kann es für jetzt die einzige Praxis sein, nicht hinter die Errungenschaften der Zivilisation zurück zu fallen und sie entschlossen und konsequent gegen ihre Feinde zu verteidigen und die Hoffnung auf den gerechten Umgang mit gesellschaftlichem Reichtum, der nicht in Barbarei endet und über den Kapitalismus hinausgeht, nicht aufzugeben.


1 https://www.youtube.com/watch?v=oksg5EYI1lw

2 Janet Afary and Kevin B. Anderson, Foucault and the Iranian Revolution: Gender and the Seductions of Islamism (Chicago: University of Chicago Press, 2005), S. 125.

3 https://www.facebook.com/kazem.moussavi/posts/10153006732990762

4 https://arthurbuckow.wordpress.com/2015/01/15/je-ne-suis-pas-juif/

5 http://www.metu.edu.tr/~utuba/Krauthammer.pdf

6 Im Wortlaut: “The day when Western ppl realize that their problems result from #Zionism’s hegemony over govts they will make an inescapable #hell for them” (https://twitter.com/khamenei_ir/status/572491106845237249) und “Once ppl in West #realize their problems stem from Zionist domination over govts, great social movements will give #birth to a new world.” (https://twitter.com/khamenei_ir/status/572483530162225153)

Lynchromantik und Gerechtigkeit

Die Idiosynkrasie als Hinrichtungskriterium am Beispiel Sebastian Edathys

Der Prozess um den Besitz von kinderpornographischem Material um Sebastian Edathy, Ex-MdB der SPD, ist nach 2 Verhandlungstagen abgeschlossen. Der mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelte Deal lautet Zahlung von 5000 Euro an den niedersächsischen Landesverband des Deutschen Kinderschutzbundes. Das scheint Grund genug zu sein, um archaischen Phantasien freien Lauf zu lassen. Die deutsche Geschichte bietet unzählige Fälle, in denen die Projektionen von Strafverfolgern auf den vermeintlichen Täter die objektiven Fakten und Tatsachen bewusst ignorieren. So erging es Hans Hetzel, welcher seinem benommenen Opfer einen Kälberstrick um den Hals legte und die Schlinge kräftig zuzog, während er diesem in der Extase sexueller Erregung gleichzeitig mehrere Bisswunden in die Brust und den Bauch zufügte und sich von den Zuckungen der mit dem Tode ringenden Frau in seinem sexuellen Lustempfinden steigerte. Nach dem Urteil lebenslänglichen Zuchthauses 1955 saß Hans Hetzel fast 16 Jahre in diesem, bis sich schließlich 1969 mittels neuem Gutachten herausstellte, dass das vermeintliche Opfer Hans Hetzels, Magdalena Gier, im einvernehmlichen Sexualverkehr einen Herzinfarkt erlitt und nach gescheiterten Wiederbelebungsversuchen aus Panik von Hetzel in ein Waldstück gebracht wurde – angebliche Würgemale stellten sich als Druckstellen eines Astes heraus, auf dem die Leiche im Wald gelegen hatte und nicht als Spuren des Kälberstricks. Die 1955 zur Verurteilung führende Tatbeschreibung war eine alleinige Konstruktion der Gedanken des Strafverfolgers Hetzels und dies war gewiss kein Einzelfall.1

‚Posing-Bilder‘ unter Generalverdacht

Aus der Anklageschrift gegen Sebastian Edathy geht hervor, dass sich dieser im Zeitraum vom 1. Bis 10. November 2013 über seinen Bundestagslaptop Zugang zu kinderpornographischem Bild- und Videomaterial verschafft hat und außerdem im Besitz eines Bildbandes und einer CD war, dessen Einstufung als jugendpornographisch erfolgte. In den Fokus der Ermittlungen geriet dieser jedoch erst, da er von 2005 bis 2010 Online-Bestellungen bei der kanadischen Firma Azov getätigt hatte, um Filme und Fotosets von unbekleideten Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren zu erhalten. Diese Bilder wurden vom BKA selbst in die Kategorie 2 eingestuft, welche ambivalente Bilder enthält, die beispielsweise in jedem beliebigen Familienfotoalbum gefunden werden können: Nicht-sexualisierte Aufnahmen von Kindern, welche die Genitalien ebenfalls in keiner unnatürlichen, überzogenen Haltung darstellen. Nachdem das BKA sich widerrechtlichen Zugang zu Edathys Wohnung und Arbeitsräumen verschaffte, forderte dieser eine Ablösung des ermittelnden Staatsanwalts und somit „galt sein Vorgehen der Öffentlichkeit als letztes Aufbäumen eines Pädophilen resp. – beides wird in der Phantasie in eins gesetzt – eines Kinderschänders, der die Mittel des Rechtsstaats nutzen will, um sich seiner gerechten Bestrafung zu entziehen.“2 Nach Edathys fehlender Klage beim Bundesverfassungsgericht hinsichtlich seiner verletzten Immunität räumte das Bundesverfassungsgericht den Ermittlern weitreichende Freiheiten ein, die diese dankend annahmen, da sie sich so auf ihr (Vor-)Urteil verlassen könnten, welches besagt, dass bei Besitz von Nacktbildern von Kindern vermutlich auch der Besitz von Kinderpornographie vorliege. „Wer heimlich Bilder an einem FKK-Strand macht, setzt demnach, obwohl dies keine strafbare Handlung ist, den Anfangsverdacht für den Besitz von Kinderpornographie und muss mit Hausdurchsuchung und Telefonüberwachung rechnen. Die Unterscheidung zwischen moralisch verwerflichem Verhalten und Straftat wird für hinfällig erklärt.“3 Der Justizminister Heiko Maas nahm diese Grauzone, in der sich der Tatbestand Edathys bewegte, zum Anlass, für eine Reform des Sexualstrafrechts zu plädieren, die weitreichende Auswirkungen auch auf interpersonelle Verhältnisse im Privaten hätte. Die vermeintlichen ‚Posing-Bilder‘, welche Grund genug zum Rechtsbruch der Ermittler im Falle Edathys waren, sollten verboten werden und darüber hinaus auch jegliche unbefugte Nacktaufnahme von Kindern und Erwachsenen. Dass aber allein Posing-Bilder grundsätzlich solche sind, auf welchen Kinder ihre Genitalien in unnatürlicher Haltung und möglicherweise erigiert präsentieren und damit eben nicht solche waren, die Edathy nachgesagt wurden, war für die weitere Debatte schlichtweg egal. Anknüpfend daran sollten beispielsweise bloßstellende Bilder von Betrunkenen ebenfalls verboten werden und dem Fotographen eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr drohen.4 Heiko Maas wollte diese Lücke scheinbar besonders gründlich schließen und stieß dafür auch aus eigenen Reihen nicht nur auf Lob. Edathy, welcher fortan als moralisch verkommenes, kinderschänderisches Subjekt galt, erfuhr schon damals eine Art öffentliche Hinrichtung – die Frage, inwiefern ein Kind Schaden daran nimmt, wenn irgendwo auf der Welt ein Pädophiler dessen Bild betrachtet, „bleibt das Geheimnis der Strafsehnsüchtigen (…).“5 Durch die weit gefächerte Bedeutung von ‚Besitz‘ kinderpornographischer Aufnahmen, die besagt, dass die durch das reine Betrachten kinderpornographischer Inhalte erfolgte Cache-Speicherung auf dem Computer bereits den Straftatbestand erfüllt und den Betrachter auf eine Stufe mit tatsächlich Vollziehenden des Sexualverkehrs an Kindern stellt, wird die Bestimmung von Sexualstraftätern noch abenteuerlicher.

Der kollektive Strafverfolger

Tritt ein Fall der (scheinbar) justiziablen Pädophilie an die Öffentlichkeit, kann man sich sicher sein, dass der Aufstand der Anständigen nicht weit entfernt ist. Repräsentativ für diese trat Jan Leyk, Darsteller in der von Dummheit und Lächerlichkeit durchzogenen RTL2 Reality-Soap ‚Berlin – Tag und Nacht‘, auf seiner Facebook Präsenz an die Öffentlichkeit.

„Ich hoffe, dass dieser perverse Bastard an jedem Ort auf diesem Planeten bespuckt und mit Steinen beworfen wird …..!!! (sic!) Statt Eier in der Hose haben und sich selbst das Eingeständnis zu machen (die Worte seines Anwalts interessieren mich einen Dreck), ein psychisch kranker Mensch zu sein, der dringend Hilfe benötigt, redet er sich aus einer eindeutigen Beweislage raus wie ein feiger, widerwertiger Dreckspedo und wird es somit immer wieder und wieder (sic!) tun!!! Noch mehr ekelt mich ein Richter an, der eine 5000€ Geldstrafe verhängt, die Edathy aus der Portokasse zahlen kann, und der es somit für milde erachtet, dass sich ein erwachsener Mann über Jahre angeguckt hat, wie wehrlose Kinder gef***ckt werden!! In was für einer kranken, abstossenden Welt leben wir eigentlich??? Ein Steuerbetrüger, der es leid ist für viel Schwachsinn die Hälfte seine Geldes abdrücken zu müssen, wird härter bestraft, als jemand der Kinderschändern die Hand reicht, um wenig später in seinem Bundestagsbüro die Hose runterzulassen und drauf los zu wi**en??!! Mir wird kotzübel bei diesen ganzen Gedanken…..und ich wundere mich keineswegs mehr, dass es betroffene Menschen gibt, die in solchen Fällen Selbstjustiz verrichten !!!! (sic!) Mein Angebot an den Kinderschutzbund: Ich spende das doppelte von der lächerlichen Strafe Edathys, also 10.000€, wenn ihr dieses beschmutzte Geld eines so erbärmlichen Mannes ablehnt!!! Schande über alle die in diesen Skandal verwickelt sind!!“

So der Wortlaut auf Jan Leyks Facebook Seite6, der über 27.000 Mal geteilt wurde und über 139.000 ‚Gefällt mir‘ Angaben abbekam. Wenn 139.000 Personen nachvollziehen können, dass Menschen zu Selbstjustiz neigen, können sie sich sicherlich auch vorstellen, ebenfalls zu dieser Methode zu greifen. Somit wird die vorbeugende Sicherheitsverwahrung für gemeingefährliche Straftäter dieses Staates ad absurdum geführt – welcher Knast kümmert sich um diese Zahl von Facebook-Usern? Die Kommentarspalte unter vorher zitiertem Posting bekräftigt diese Frage. So schreibt Frau Fernandez: „Stimme voll und ganz zu. Ich hatte den gleich durchschaut, macht einen auf Saubermann und stellt sich als Opfer hin. Verbannen solte man ihn und seinesgleichen am besten in die Wüste!!, Frau ‚An‘: „Ich sag nur ….9 mm !!!!! oder beispielsweise Herr Koop: „Er gehört in den normalen Schrafvollzug (sic!) mit normalen Gefangenen, da kann er mal sehen was abgeht“ – 3 Beispiele von insgesamt über 7.200 Kommentaren, die sich wünschten tatsächlich ein Urteil im „Namen des Volkes“ zu hören und sich nicht selten am liebsten selbst darum bemühen würden, der körperlichen Unversehrtheit Edathys in die Quere zu kommen. Nachdem Sebastian Edathy daraufhin auf seiner eigenen Facebook Präsenz nachfragte, wer denn Jan Leyk überhaupt sei, antwortete dieser prompt auf Edathys Nachfrage und stellt sich als denjenigen dar, „der mit Sicherheit auch nicht ohne Fehler geblieben ist!“7 Er ist derjenige, „der Moralapostel oder Rechteprediger lieber nicht spielen sollte!“8 Statt an dieser Stelle seine dümmliche Schnauze zu halten aber macht Jan Leyk weiter in Sachen moralischer Belehrung und setzt sich an die Spitze des Aufstands der (neuerdings) Anständigen.

„Sie hingegen sind ein perverses, selbstverliebtes, widerwertiges, krankes und hochgradig pedophiles Drecksschwein, das in unserer Gesellschaft keinerlei Rechte (sic!) mehr bekommen sollte, um mit dieser Einstellung frei herumzulaufen!! (…) Warum ich unbedeutender Y-Promi über 100.000 Likes für meine Gedankengänge bekomme? Vielleicht weil wir das aussprechen, was jeder in diesem Land denkt (sic!) und doch niemand von Ihren korrupten Kollegen hören will! Sie weisen auf Ihrer Seite ausdrücklich darauf hin, dass kein Geständnis vorliegt und werden mit einem lächerlichen Betrag, einer Einstellung des Verfahrens und einem nicht vorhandenem Eintrag in Ihrem Vorstrafenregister belohnt! Wie fühlt sich das an? Eben noch Ihren verdorbenen, mickrigen Pimmel in der Hand zu haben, um auf minderjährige, gescholtene und missbrauchte Kinder zu ejakulieren….und im nächsten Moment mit dem gleichen Schlag von bösem Menschen, der Urteile fällen darf und sich Richter nennt, ein Glas Rotwein zu trinken und über seine Tocher zu reden, die gerade eingeschult worden ist??? Am besten posten Sie im Laufe des Tages noch Ihren Überweisungsträger über 5000€ mit dem Kommentar „Ich bin ein guter Mensch“!!! Wenn Sie wirklich der geisteskranken Meinung sind, eine weiße Weste zu haben und das Opfer in diesem abstoßendem Skandal zu sein, dann setzen Sie sich doch mal mit mir an einen Tisch bei Jauch, Lanz oder sonstwem, um den Menschen mitzuteilen, was Sie zu sagen haben! Da es aber zu diesem Aufeinandertreffen wahrscheinlich nie kommen wird und Sie in keinster Weise die Eier haben werden, sich mir gegenüber live zu erklären……sage ich Ihnen abschliessend folgendes: Laufen Sie mir niemals über den Weg und wenn doch, dann gnade Ihnen Gott (sic!), dass Ihr Suspensorium fest angeschnallt ist und Ihre Personenschützer gut ausgebildet sind…..ansonsten werden Ihre mickrigen Hoden (sic!) demnächst für sehr viel Geld bei eBay ersteigert und das eingenomme Geld an Institutionen gespendet, die aufgrund von psychisch kaputten Flachwixxern wie Ihnen ihre ehrenvolle, aber traurige Arbeit verrichten müssen.

Über 102.000 ‚Gefällt mir‘ Angaben verzeichnet dieses Posting von Jan Leyk auf seiner Facebook Seite. Frau Müller antwortet ihm darauf: „Jan leyk es ist echt bemerkenswert wie du genau das auf den Tisch bringst was jeder denkt. Du sprichst mir sowas von aus der Seele und ich denke jedem anderen genauso! !!!und ist damit zugleich zusammenfassend und bezeichnend für weitere Kommentare.

„Was natürlich ist bestimme ich“

Sebastian Edathy als geisteskrank, gestört, emotional verkrüppelt darzustellen erfordert eine gewisse Expertise in der Diagnose pathologischer Befunde. Der durchschnittliche Wutbürger besitzt diese selbstverständlich und ist sich sicher, dass der, der eine Neigung und das Begehren gegenüber Kindern hat, ein Abartiger und Unnormaler ist, auf dessen Existenz die Gesellschaft zugunsten eines objektiv Besseren verzichten kann. Dieses objektive Bessere ist die Einheit der Deutschen als Volk, welches durch Ausmerzung aller ihm befremdlichen Unnatürlichkeiten endlich wieder zu sich selbst finden kann und das Falsche durch die Reinheit im Besseren negiert. Die Bestimmung der Kinderpornographie als Gewaltdarstellung nicht nur gegen Menschen, sondern auch menschenähnliche Wesen, greift direkt in die Phantasie einer potentiell pädophilen Person, die auch immer zugleich als Zahnrad eines riesigen, im Hintergrund stehenden Kinderpornorings vermutet wird, ein. Somit wird die Jagd auf die verkommenen Individuen förmlich subventioniert, staatlich gestützt und dennoch sind die besorgten Bürger nicht befriedigt. Die Tendenz zum phantasiesublimierenden Staat geht dem Wutbürger noch nicht weit genug, er sieht das Recht in diesem als „den kodifizierten Willen des Souveräns (…), also als den eines absoluten gedachten Subjektes ‚Staat.“9 Die Frage nach Deutscher Ideologie und deren „unberechenbar-aggressiver Charakter bei einem gleichzeitigen Höchstmaß an gesellschaftlicher Zwangsintegration“10, mit der sich Otto Kirchheimer in den USA auseinandersetzte, konnte mittels Analyse nationalsozialistischer Polykratie erklärt werden. Die vollständig mobilisierte Gesellschaft organisierte sich in Kammern, Bünden, Sonderämtern und Stäben und verschmolz zu einer partizipativen Diktatur, in der es um die Gunst der Parteiorganisationen ging, in der das Glück für sich selbst und gegen die Gegenrasse erwartet wurde.11 Was im Nationalsozialismus zur ent-individualisierenden Kollektivierung ganzer Rechtsgruppen, und damit zur Stigmatisierung und schließlich Ausmerzung dieser führte, lässt sich dieser Tage in den Zügen des Wahns Jan Leyks und seiner Jünger beobachten, wenn diese den kollektiven „Dreckspedo (sic!)“12 mit Vorliebe bestrafen und entwürdigen möchten. Der Staat soll daran erinnert werden, seine Entscheidungen gefälligst moralisch und nicht logisch, völkisch und nicht rechtlich zu treffen – „dass also dem Wahn keine institutionellen Grenzen mehr gezogen werden sollen.“13 Mit dem Zerfall der institutionellen Grenzen stirbt das aus, was einst von den Alliierten gegen die Deutsche Ideologie etabliert wurde: Das Primat der Zivilisation gegenüber Kultur und Volksgeist. Jan Leyk ist ein Apologet des moralischen Rechts statt der Vernunft und Logik, der mittels seiner Mitteilungen die Stimmung für Pogrome gegen die Pädophilie schürt. Sebastian Edathy ist kein Vergewaltiger und kein Kinderschänder. Eine Trennlinie zwischen moralischem Recht und justiziablem Verhalten ist dem völkischen Mob nicht erwünscht, dieser kämpft gegen die gesellschaftliche Unreinheit an, die sich in einer Person wiederspiegelt, dessen Eigentümlichkeit der Antagonist des die Individualität subsumierenden und auflösenden Rackets ist. Dass diese Unreinheit Edathys und damit die Pädophilie an sich häufig als genau so abartig wie auch die Homosexualität angesehen wird, geht aus der Kollektivierung  deutscher Geistes- und „Rein“haltung hervor. Das sexuelle Begehren und die Neigung des Individuums sucht sich dieses nicht aus. Sebastian Edathy ist der Öffentlichkeit keine Rechenschaft schuldig. Er wurde verbal exekutiert, seine Zukunft scheint determiniert und zerstört. Das Primat der Gruppenrechte und damit der Gruppengerichtsbarkeit hat Edathys Individualität unter dem Postulat der Entartung begraben.

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1 siehe und vergleiche Felix Mauser: Wie es euch gefällt. Der „Fall Edathy“ als Wirklichkeit gewordene Strafverfolgerphantasie, in: Bahamas 69 (2014) S. 59-63

2 ebd.

3 ebd.

4 http://www.zeit.de/gesellschaft/2014-04/kinderpornografie-edathy-gesetzentwurf-maas/seite-2

5 Felix Mauser: Wie es euch gefällt. Der „Fall Edathy“ als Wirklichkeit gewordene Strafverfolgerphantasie, in: Bahamas 69 (2014) S. 59-63

6 https://www.facebook.com/Leyk.Jan/posts/956766494347605?fref=nf

7 https://www.facebook.com/Leyk.Jan/photos/a.690620234295567.1073741825.315161171841477/957082147649373/?type=1&permPage=1

8 ebd.

9 Uli Krug: Fragmentierte Herrschaft und moralisches Recht. Anmerkungen zur Rechtsauffassung der Kritischen Theorie, in: Bahamas 70 (2015) S. 54-57

10 ebd.

11 Zur Wandlung bürgerlicher Gesellschaft zum faschistischen Massenracket siehe ebd.

12 https://www.facebook.com/Leyk.Jan/posts/956766494347605?fref=nf

13 Uli Krug: Fragmentierte Herrschaft und moralisches Recht. Anmerkungen zur Rechtsauffassung der Kritischen Theorie, in: Bahamas 70 (2015) S. 54-57